Teilzeit-selbstständig = Teilzeit-Aufwand?

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Morgens Teilzeit im Unternehmen, Nachmittags als teilzeit-selbstständiger Fotograf. Das geht, aber nur mit Selbstdisziplin.

 

Teilzeitarbeit muss nicht zwingend ein Angestelltenverhältnis bedeuten, sondern kann auch der Weg in die Selbstständigkeit sein. Doch bleibt die Aufwandsverteilung dann 50/50?

Es klingt wie die perfekte Mischung aus Wunschtraum und Realität: Morgens geht man einem angestellten Job nach, bekommt alle Sicherheiten und kann sich nach Mittag der beruflichen Selbstverwirklichung widmen. Vielleicht als Fotograf, als Betreiber eines kleinen E-Commerce-Unternehmens oder als YouTuber, Blogger oder einem ähnlich digitalen Beruf. Nicht wenige fahren diese Schiene. Doch Selbstständigkeit bedeutet auch, dass man viel Arbeit, Fleiss und Herzblut investieren muss. Ob und wie dies auch bei der Teilzeit-Selbstständigkeit gilt, erklären wir auf den folgenden Zeilen.

Stichwort Unternehmen

Gleich beim ersten Punkt bekommt die Teilzeit-Selbstständigkeit Wind unter die Flügel. Denn in der Schweiz gibt es dankenswerter Weise eine sehr stark vereinfachte Rechtsform für Gründer, die Einzelfirma.

„Stark vereinfacht“ trifft es haargenau, denn prinzipiell ist kein Verwaltungsakt vonnöten, keine Anmeldung. Es reicht, dass man eine selbstständige Tätigkeit aufnimmt und schon ist das Einzelunternehmen gegründet. Weder muss Mindestkapital vorhanden sein, noch gibt es irgendwelche gesetzlichen Vorgaben, die man beachten muss.

Das einzige, was relevant ist, ist, dass man sein Unternehmen ab einem Jahresumsatz von CHF 100‘000 in das Handelsregister eintragen lassen muss. Bis zu einem Umsatz von CHF 499‘999 darf aber eine vereinfachte Buchhaltung geführt werden, in der nur Einnahmen, Ausgaben und die Vermögenslage festgehalten werden. Und der Firmenname muss zwingend den eigenen vollständigen Namen enthalten – darf aber zusätzlich um Phantasienamen ergänzt werden, also beispielsweise:

  • Fotografiehaus Gabriela Kaiser
  • Bloggotronic by Max Balmung
  • Modellbauversand Beat Rübner

So viele Vorteile haben natürlich einen (kleinen) Haken: Der Firmeninhaber haftet nicht nur beschränkt, sondern mit seinem Privatvermögen. Und um die soziale Absicherung muss man sich selbst kümmern.

Teilzeit-Aufwand: Ja! Als Teilzeit-Unternehmer verdient man i.d.R. viel weniger als ein klassischer Unternehmer und deshalb ist der Aufwand auch viel geringer.

Stichwort Treuepflicht

Grundsätzlich steht es schweizerischen Arbeitnehmern frei, sich ausserhalb ihrer Tätigkeiten anderen Leidenschaften zu widmen, darunter fällt auch eine Teilzeit-Selbstständigkeit. So zumindest die Theorie, denn das Obligationenrecht kennt auch noch einige einschränkende Passagen.

Die für die Teilzeit-Selbstständigkeit mit Sicherheit schwerwiegendste ist der Artikel 321a Absatz 3 OR. Er besagt „Er darf auch nicht für sich selbständig tätig sein oder unentgeltlich arbeiten“. Das klingt nur auf den ersten Blick wie ein Widerspruch zum ersten Absatz dieses Punktes, denn damit ist in diesem Zusammenhang vor allem die Konkurrenzierung des eigenen Arbeitnehmers gemeint. Um das genauer zu erörtern, muss man sich Artikel 464 OR anschauen: „…darf ohne Einwilligung des Geschäftsherrn weder für eigene Rechnung noch für Rechnung eines Dritten Geschäfte machen, die zu den Geschäftszweigen des Geschäftsherrn gehören“.

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Morgens Architektin, Nachmittags Innendesign-Beraterin? Das kollidert wahrscheinlich mit dem Obligationenrecht, beide Berufe stehen im Konkurrenzverhältnis zueinander.

 

Ergo: Man darf sehr wohl eine Teilzeit-Selbstständigkeit aufnehmen, bloss darf es keine in einem Feld sein, in dem der Arbeitgeber auch agiert und die ihm Konkurrenz macht. Wer etwa als Maler arbeitet, darf problemlos als Fotograf selbstständig sein. Würde er aber in diesem Gewerbe ebenfalls Wohnungen anstreichen oder als Video-Blogger auf YouTube Tipps geben, wie man selbst solche Arbeiten ausführt, würde er seinem Arbeitgeber Schaden zufügen.

Obendrein sind auch in der Nebenbei-Selbstständigkeit natürlich die rechtlichen Arbeitszeiten einzuhalten. Man darf also nicht vier Stunden in der Teilzeitstelle ableisten und danach noch weitere acht in seinem eigenen Betrieb. Und dass man sich in der Selbstständigkeit nicht so verausgaben darf, dass man in seinem angestellten Job nur mit halber Kraft arbeiten kann, sollte sich von selbst verstehen.

Teilzeit-Aufwand: Nein! Es gibt in der Teilzeit-Selbstständigkeit Stolperfallen, die gegen das Obligationenrecht verstossen – auch in weniger offensichtlichen Fällen. Hier ist aufwändiges Einlesen vonnöten.

Stichwort Unternehmenskultur

Wer ein Unternehmen gründet, der ist erst einmal völlig unbekannt – da unterscheidet sich der kleine Teilzeit-Betrieb nicht von den grossen Unternehmen im Business. Dann allerdings gehen die Wege auseinander.

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In grossen Unternehmen ist Corporate Identity ein Muss,ein kleiner Einmann-Teilzeit-Selbstständigkeitsbetrieb kann jedoch auf einen Grossteil der Regeln verzichten.

 

Wenn ein Unternehmen wirklich gross werden soll, dann ist es vonnöten, eine unternehmens-kulturelle Eigenständigkeit aufzubauen, der Fachmann spricht von Corporate Identity. Also einem einheitlichen Design, einheitlichem Auftreten und einheitlichem Benehmen aller Beteiligten. Ein Teilzeit-Unternehmen muss das auch – und doch auch nicht, denn es ist in der Regel regionaler ausgerichtet. Doch dies muss man auf die Inhalte der Corporate Identity aufschlüsseln, um es zu erklären:

  • Ein Gärtnerbetrieb müsste gemäss der Regeln des Corporate Design alle Mitarbeiter mit der gleichen Kleidung ausstaffieren. Ein Teilzeit-Gärtner kann darauf verzichten.
  • Ein Vollzeit-Online-Versandhandel braucht ebenso ein wiedererkennbares Logo wie ein Teilzeit-Versandhändler – hier überschneiden sich die Regeln.
  • Eine Tageszeitung muss im Sinne der Corporate Communication alle Artikel wie aus einem Guss wirken lassen, der Teilzeit-Blogger kann seinen eigenen Stil fahren.

Unterm Strich bedeutet das, man muss einiges bei den „Grossen“ abschauen. Aber durch die Tatsache, dass es eben nur Teilzeit ist und man i.d.R. keine Ambitionen hat, zum grossen Player zu werden, kann es ruhiger angegangen werden. Was in jedem Fall empfehlenswert ist:

Ein eigenes Logo erstellen – das ist vergleichsweise einfach und sorgt für den Wiedererkennungswert.

Jeden Kunden mit der gleichen Freundlichkeit behandeln.

Kein grosses Image vorschieben, das man immer einhalten muss

Dann kann man sich vollends auf die eigentliche Arbeit konzentrieren, ohne weitere Corporate-Faktoren beachten zu müssen, die für grössere Unternehmen unverzichtbar sind.

Teilzeit-Aufwand: Ja! Gute Arbeit machen, ein wiedererkennbares Logo haben, das reicht vollkommen, um bei einem Teilzeit-Unternehmen ein gutes Image bei den Kunden zu erzeugen.

Stichwort Arbeitsaufwand

Halbe Zeit, halber Aufwand, so sollte es doch eigentlich bei einer Teilzeit-Selbstständigkeit sein, oder? Leider nein. Denn auch wenn es sich um eine Teilzeit-Arbeit handelt, muss man das Ganze von der psychologischen Ebene aus betrachten. Da macht das menschliche Gehirn keinen Unterschied in der Art der Selbstständigkeit.

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Teilzeit- wie Vollzeit-Selbstständige neigen dazu, zu viel zu leisten. Bei ersteren eine echte Gefahr, weil Energie für den Angestelltenjob fehlt.

 

Das eigene Unternehmen ist immer eine Art „Baby“, das man hegt und um das man sich mit voller Leidenschaft kümmert. In der Realität zeigt sich immer wieder, dass Teilzeit-Selbstständige zu den gleichen Fehlern neigen, wie die „Grossen“, sprich:

  • Zu grosses Engagement
  • Zu viel involvierte Leidenschaft
  • Zu viel selbstgemachter Erfolgsdruck

Doch auch hier ist einmal mehr Differenzieren vonnöten. Betrachten wir deshalb den reinen Arbeitsaufwand. Wer bereits einen halben Tag gearbeitet hat, der hat natürlich nur noch den Nachmittag und Abend frei, um sich der Selbstständigkeit zu widmen. Das reduziert den Spielraum. Und gleichzeitig ist es ja auch so, dass man eben bereits einen halben Tag lang hohe Arbeitsleistung vollbracht hat, man ist also nicht mehr so frisch, wenn man auf eigene Rechnung loslegt.

Dann allerdings beginnen die Probleme: Viele Teilzeit-Selbstständige geben dann mit halbleerem Akku trotzdem 140 Prozent – es geht ja um das eigene Unternehmen. Das reduziert die Belastbarkeit sehr schnell. Obendrein mangelt es vielen auch an einem realistischen Einschätzungsvermögen: Da setzt der Teilzeit-Fotograf für den Nachmittag drei Fototermine an, wo er realistisch betrachtet nur einen wahrnehmen könnte, wenn er eine Angestellten-ähnliche Freizeit haben möchte.

Die notwendige Bildbearbeitung wird dann im Feierabend erledigt, dieser reduziert sich dann und es entstehen die gleichen Freizeitmangel-Probleme wie bei jedem anderen Angestellten oder Selbstständigen. Ähnlich sieht es auch in den meisten anderen Berufen der Teilzeit-Selbstständigkeit aus: Immer neigen die Ausübenden dazu, sich wesentlich intensiver damit zu befassen, als der Teilzeit-Aspekt es eigentlich gebietet. Statt 50% Angestellten- und 50% Selbstständigkeitsarbeit ist das Verhältnis dann eher 50/80 oder noch höher.

Teilzeit-Aufwand: Nein! In der Theorie bedeutet die Teilzeit-Selbstständigkeit, dass man weniger leisten muss als bei der Vollzeit-Variante. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Ausübenden mehr als Teilzeit-Leistung erbringen, der Aufwand wird somit noch höher, als bei einem Vollzeit-Angestelltenjob.

Stichwort Werbung

Eine neue Firma lebt davon, dass sie bei potenziellen Kunden bekannt gemacht wird. Allerdings gelten auch in diesem Fall manche Vollzeit-Regeln nicht, andere jedoch schon.

Der grosse Vorteil ist, dass man als Teilzeit-Selbstständiger nicht viel von den Grossen abschauen muss. Wirbt ein Vollzeit-Fotograf im Fernsehen und im Radio? In aller Regel nicht, also muss man solche grossen Dinge als Teilzeiter erst recht nicht auf sich nehmen.

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Kleines Business, kleines Werbebudget: Der einfache Flyer im Schaufenster eines befreundeten lokalen Unternehmens reicht da schon aus.

 

Allerdings kommt es darauf an, in welcher Form man sein Unternehmen aufgestellt hat. Grundsätzlich gilt dabei, dass alles, was sich ausschließlich im Internet abspielt, keinen regionalen Bezug hat und somit auch überregional beworben werden sollte. Wer etwa seinen Blog bekannt machen will, muss dazu richtig mit Google umgehen lernen, damit sein Blog höher gelistet wird. Wer einen Shop betreibt, sollte sich in entsprechenden Foren (auch jenseits der Schweiz) anmelden und sich dort in der Community vorstellen.

Gänzlich anders sieht es jedoch bei klassischen Vor-Ort-Tätigkeiten aus, etwa Fotografie, Trockenbau, Auto-Aufbereitung, Radio-Reparatur. Also alles, wofür sich Selbstständiger und Kunde von Angesicht zu Angesicht sehen. Das meiste davon wird in einem engen regionalen Rahmen ablaufen. Und daher kann man auch auf günstige bis kostenlose Werbung setzen:

  • Der klassische Flyer im Schaufenster bzw. am schwarzen Brett örtlicher Unternehmen
  • Eine eigene Facebook-Seite des Unternehmens und das Einladen aller Bekannten aus der privaten Freundesliste
  • Kleinanzeigen in lokalen Zeitungen
  • Aufkleber mit Logo, Arbeitsumfang und Kontaktdaten auf dem Privatauto und dem des Partners
  • Visitenkarten

Kommt dann noch die Mundpropaganda hinzu, die bei guter Arbeit automatisch erfolgt, wird sich schon nach kurzer Zeit eine entsprechende Auftragslage einstellen. Wer dann noch etwas Geld investieren will, kann dem örtlichen Jugend-Fussballclub noch einen Satz T-Shirts mit dem Firmenlogo spendieren und hat so für sehr wenige Franken Werbung betrieben.

Teilzeit-Aufwand: Ja! Durch die Tatsache, dass ein Teilzeit-Unternehmen sehr viel geringere Ambitionen hat, als eine Vollzeit-Selbstständigkeit, kann der Aufwand für Werbung geringer gehalten werden. Auch weil sich durch soziale Netze heute eine grosse Reichweite praktisch kostenlos generieren lässt.

Fazit

Teilzeit-Selbstständigkeit bedeutet nicht zwangsweise auch Teilzeit-Aufwand. An vielen Punkten ist das Pensum tatsächlich geringer. An anderen ist jedoch der Selbstständige gefragt, damit er sein Unternehmen auch so sieht und nicht als Vollzeit-Baustelle. Dann funktioniert das 50-50-Schema und man bekommt alle Sicherheits-Vorteile eines Teilzeit-Angestelltenverhältnisses mit der Freiheit der Selbstständigkeit kombiniert.

 

 

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